1988 war ich felsenfest davon überzeugt, dass der Pogo – dieses Aufeinandertreffen verschwitzter Körper auf der Tanzfläche, das wilde Anspringen, Rumgehüpfe und Geschubse – seinen Namen den Pogues verdankte. Genauer gesagt: dem rasanten Körpereinsatz junger Menschen in der Villa (in Gronau, Westf.), sobald die ersten Sekunden von „Fiesta“ dem Plattenteller entsprangen. Pogues – Pogo – Pogen: Ganz so abwegig war die Assoziationskette für mein jugendliches Ich schließlich nicht. Und spätestens bei „Come all you rambling boys of pleasure, and ladies of easy leisure, we must say Adiós! until we see Almería once again“ ging es jedes Mal hoch her.
Rückblickend betrachtet ist „Fiesta“ zugegeben nicht der allerbeste Pogues-Song – aber es hätte definitiv schlechtere Einstiege in das Œuvre der englisch-irischen Band geben können. Klar: If I Should Fall from Grace with God ist ein formidables Album und beherbergt den unangefochten besten Weihnachtssong aller Zeiten. Für mich bleibt es dennoch nur die zweitbeste Platte der Band um Shane MacGowan.
Deshalb geht mein Blick im Rückspiegel heute auf das Werk, das mich damals wie heute am tiefsten geprägt hat: Rum, Sodomy & the Lash.
Der Sweet Spot zwischen Gosse und Poesie
Bereits der Titel – angeblich Winston Churchills zynische Zusammenfassung der britischen Marinetradition („Nothing but rum, sodomy and the lash“) – setzt den Ton. Und das Coverartwork, das Théodore Géricaults berühmtes Gemälde Das Floß der Medusa zitiert und die Gesichter der Schiffbrüchigen durch die verbeulten Visagen der Band ersetzt, ist Programm: Hier kämpft eine verlorene Truppe auf hoher See ums nackte Überleben.
Dass diese Platte von 1985 (auch über 40 Jahre später) so eine Urgewalt entfaltet, liegt maßgeblich an der Regie von Produzent Elvis Costello. Er beging nicht den Fehler, die Band glattzubügeln. Stattdessen fing er ihren Schweiß, ihre Trunkenheit und ihre unbändige Live-Energie ein, gab aber Banjo, Tin Whistle und Akkordeon genau den Raum, den Shane MacGowans Dichtkunst brauchte. MacGowan sang nicht einfach Traditionals nach; er zerrte sie in die Londoner Gosse der 80er-Jahre und schrieb eigene Stücke, die klangen, als hätten sie schon vor zweihundert Jahren in Dubliner Spelunken existiert. Das Album zeigt MacGowan als den Ausnahme-Poeten, der er war. Ein brillanter Texter, der im modernen Songwriting (und das nicht auf Irland bezogen) eine absolut singuläre Stellung einnimmt – und durchaus auch neben klassischen Dichtern wie W.B. Yeats oder Seamus Heaney genannt werden kann.
Sechs Runden am Tresen: Die Schlüsseltracks
Und mal ehrlich, das Wort Sodomie im Plattentitel war 1985 immer noch ein kleiner Skandal. Die Klasse dieses Albums zeigt sich aber vor allem an sechs Stücken, die unterschiedlicher kaum sein könnten und sich dennoch perfekt ergänzen:
The Sick Bed of Cuchulainn
Der Opener. Benannt nach dem irischen Mythenhelden Cú Chulainn, wirft der Song die Zuhörerinnen und Zuhörer mitten hinein in ein Delirium aus dem spanischen Bürgerkrieg, Londoner Exil und purem Folk-Furor. Schneller, zähnefletschender Punk.
The Old Main Drag
Der radikale Bruch im Tempo. Shane, fast nur begleitet von einer spartanischen Akustikgitarre, liefert eine schonungslose Chronik über Obdachlosigkeit, Prostitution und Verfall rund um den Piccadilly Circus. Kein Kitsch, keine Romantisierung – nur bittere, soziale Realität.
A Pair of Brown Eyes
Vielleicht einer der besten Songs des gesamten Jahrzehnts (mindestens Top Ten). Um das Motiv des alten Traditionals „The Wild Rover“ gewoben, erzählt MacGowan von einem traumatisierten Kriegsveteranen am Tresen, während aus der Jukebox Ray Charles erklingt. Schwermut und Schönheit in absoluter Reinform.
Sally MacLennane
Die pure Essenz des Pogues-Sounds. Getrieben von James Fearnleys unerbittlichem Akkordeon feiert die Band den Mythos eines Weggefährten (und einer fiktiven Biermarke). Der Song balanciert meisterhaft auf dem schmalen Grat zwischen kollektiver Pub-Euphorie und der unausweichlichen irischen Melancholie des Abschieds: „We walked him to the station in the rain / We kissed him as we put him on the train.“
Dirty Old Town
Zwar stammt das Stück aus der Feder von Ewan MacColl und besingt das industrielle Salford bei Manchester, doch erst die Pogues machten es unsterblich. Das traurige Mundharmonika-Intro fängt die verwaschene Romantik trister Fabrikstädte so treffend ein wie kaum ein zweites Lied.
And the Band Played Waltzing Matilda
Eric Bogles monumentaler Antikriegsklassiker über die Schlacht von Gallipoli bildet den herzzerreißenden Schlusspunkt. Über acht Minuten dehnt MacGowan die Worte mit seiner brüchigen Stimme bis an die Schmerzgrenze, bevor die Bläser einsetzen und den Hörer mit einem dicken Kloß im Hals zurücklassen.
Die Kunst der Balance
Was Rum, Sodomy & the Lash über vierzig Jahre nach seinem Erscheinen immer noch so packend macht, ist seine Dramaturgie. Es ist keine lose Songsammlung, sondern ein Trip mit ständigen Gezeitenwechseln. Auf den Rausch folgt der Kater, auf die Prügelei die Ballade.
Zusammengehalten wird dieser Taumel von eingestreuten Traditionals und Instrumentals, die wie Szenenwechsel im Theater funktionieren. Sie verankern die Platte tief in der irischen Session-Kultur und stellen unter Beweis, dass diese Truppe nicht bloß randalieren konnte, sondern ihre Instrumente mit schlafwandlerischer Finesse beherrschte.
Rum, Sodomy & the Lash schwankt wie ein Seemann bei Windstärke zehn – im einen Moment grölt man Arm in Arm auf den Tischen, im nächsten starrt man mutterseelenallein auf den Boden seines leeren Glases. Genau deshalb bleibt es das größte Vermächtnis von Shane MacGowan und seinen Mitstreitern.
Trivia-Fakt am Rande: Als Elvis Costello 1985 als Produzent ins Studio geholt wurde, sollte er die unberechenbare Truppe eigentlich nur klanglich disziplinieren. Stattdessen verknallte er sich Hals über Kopf in Bassistin Cait O’Riordan. Das Resultat: Die beiden heirateten 1986, Cait verließ kurz darauf die Pogues – und Costello hatte während der Sessions immerhin dafür gesorgt, dass O’Riordan mit dem Traditional „I’m a Man You Don’t Meet Every Day“ eines der anrührendsten Gesangsdebüts der Bandgeschichte auf Band verewigte.
Meine Bewertung:
Nach RS-Sternebewertung: ★★★★★
Nach Pitchfork 101-point scale: (9.8/10)


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