Carsten Vogel

Nerd 'n Noob.

TabsLock #1: Schamlos kopiert, mit Nachdruck empfohlen

Tabslock#1

Gute Ideen entstehen selten im luftleeren Raum, die besten werden schamlos geklaut. Der US-Ökonom Scott Cunningham macht seit einer Weile kleine Übersichtsposts mit Links zu lesenswerten Texten. Der Journalist Andreas Sator fand das so praktisch, dass er das Format für seinen Newsletter eins zu eins kopiert hat – und das auch direkt im ersten Satz transparent macht.

Weil Diebstahl geistigen Eigentums ab der zweiten Wiederholung bekanntlich als „Kulturtechnik“ und ab der dritten als „Tradition“ gilt, schließe ich mich dieser Kette vertrauensvoll an. Willkommen bei TabsLock.

Der Name ist Programm: Die Feststelltaste für die obere Leiste im Browser. Bevor mein Arbeitsspeicher unter der Last von 73 gleichzeitig geöffneten Fenstern kapituliert, muss das Zeug hier raus. Bei mir wird es naturgemäß etwas weniger weltwirtschaftlich als bei Cunningham und etwas weniger politisch als bei Sator. Dafür gibt es die ganze Bandbreite an Dingen, an denen man im Netz hängenbleibt, wenn man eigentlich ins Bett gehen wollte: Gaming, Platten, gutes Kino, Typografie, kluge Architektur, Popkultur – und ab und zu doch ein Text über den Zustand der Welt, der hängengeblieben ist.


Stop-Motion-Magie im November: Die Laika Studios bringen Wildwood ins Kino, basierend auf der Buchreihe von Decemberists-Sänger Colin Meloy und Illustratorin Carson Ellis. Die Kritiken sind fantastisch, aber das eigentliche Highlight für Musikfans sind die begleitenden „Wildwood Sessions“: ein eigenständiges Album mit inspirierten Stücken von Meloy, The Decemberists, quickly quickly und Ringdown.

Für Braunkohlebagger und Autobahnen ist Enteignung im Namen des Gemeinwohls kein Problem. Sobald man aber das Grundgesetz beim Wort nimmt und profitorientierte Wohnkonzerne für bezahlbare Mieten vergesellschaften will, gilt privates Eigentum plötzlich als unantastbar. Ein schöner Blick auf eine verlogene Debatte.

Harper’s Bazaar hat ein Ranking mit den 24 besten Halloween-Filmen gebastelt, das wirkt, als hätte eine KI beim Würfeln den Faden verloren. Die Auswahl ist völlig erratisch – und vor allem fehlt ausgerechnet der Film, der dem Genre den Namen gab: Kein John Carpenter, kein Michael Myers, keine Jamie Lee Curtis. Wer so eine Liste kuratiert, schaut an Heiligabend wahrscheinlich auch Scrooged nicht.

Die GamePro feiert die Kämpfe im frisch erschienenen Phantom Blade Zero als pure Film-Poesie. Statt der üblichen hakeligen Genre-Choreografien fließen die Moves so spektakulär ineinander, dass man fast lieber zuschaut als selbst auf die Buttons zu hämmern.

Die 2000er-Emo-Nostalgie schlägt wieder zu: My Chemical Romance feiern 20 Jahre The Black Parade mit dem animierten Kurzfilm Prelude to The End. Bemerkenswert ist vor allem der Voice-Cast: Neben Stars wie Billie Eilish und Phoebe Bridgers leiht auch Spielemacher Hideo Kojima einer Figur seine Stimme. Ein wunderbar schräges Crossover aus Emo-Rock, Indie und Gaming.

Was haben Fledermäuse, Halloween und Kevin Parker gemeinsam? Die Antwort lautet Joel Schumachers Batman Forever: Bei triple j haben Tame Impala den damaligen Filmsong Kiss from a Rose von Seal gecovert. Statt 90er-Schmalz gibt es trockene Grooves und flüssige Vintage-Synthesizer. Definitiv das stylischste Batman-Zitat des Tages.

Lars Keplers Bestseller-Ermittler Jonah Lynn hat es zu Apple TV+ geschafft – und laut FAZ ist Nocturne eine echte Ausnahmeerscheinung im Thriller-Genre geworden. Wenn Stephen Graham den psychopathischen Strippenzieher gibt und Liev Schreiber dagegenhalten muss, wird aus einer Serienkiller-Jagd beklemmender Psychoterror. Genau das Richtige für lange Herbstabende.

Mit 80 Jahren legt Neil Young sein 50. Studioalbum vor – und Uncut feiert Second Song als spätes Meisterwerk. Zusammen mit The Chrome Hearts blickt Young auf Erinnerungen, Verluste und sechs Jahrzehnte Musikgeschichte zurück, ohne in billige Nostalgie zu verfallen. Sanft, zutiefst bewegend und erstaunlich nahbar.

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