Jeden Mittwoch stelle ich an dieser Stelle die drei Songs vor, die mich in der vergangenen Wochen am häufigsten begleitet, am meisten beeindruckt und dazu schwer begeistert haben.
Der Song „Blood“ der Londoner Band mary in the junkyard ist ein Track aus ihrem Debütalbum Role Model Hermit, das im Sommer 2026 erschienen ist. Er wird von einem hypnotischen, fast süchtig machenden Gitarren-Loop getragen. „Blood“ ist ein stimmungsvolles, leicht düster-romantisches Liebeslied. Sängerin Clari Freeman-Taylor hat den Song als Teil einer emotionalen Reise beschrieben, die nach einer Trennung den Übergang in eine neue, fantastische Beziehung markiert (sie nannte es die „amazing breakup to amazing relationship pipeline“). Die Musik hat etwas Schwermütiges. Der Song verstellt sich nicht. Der Kontrast aus der rauen Instrumentierung und der zerbrechlichen Stimme löst ein Gefühl von absoluter Ehrlichkeit aus – es fühlt sich an wie eine ehrliche Umarmung ohne kitschige Filter.
„The Head Tree“ von der britischen Band Opus Kink, hier in Zusammenarbeit mit der Band The New Eves. Das herausragende Debütalbum der Band aus Brighton erschien am vergangenen Freitag. Wild, experimenteller Sound, zwischen Post-Punk, Jazz, Funk und düsterem Cabaret-Rock (häufig mit treibenden Bläsern). Auf „The Head Tree“ nehmen sie eine andere Route: Der Track ist extrem atmosphärisch, repetitiv und theatralisch. Die Instrumentierung und der Gesang wirken fast beschwörend, was dem Song einen sehr archaischen und rauen Charakter verleiht – es hat musikalisch fast etwas von einem heidnischen Ritual. Es dreht sich um eine Protagonistin, die sich selbst vorstellt: „My name is Alice Mulland, I’m spinning in my grave“. Es wird erwähnt, dass sie im Jahr 1685 an einem „alten, toten Baum“ (dem titelgebenden Head Tree) erhängt wurde. Dieses Jahr und die Thematik erinnern stark an historische Hexenverfolgungen oder brutale Exekutionen dieser Zeit. Was mich daran erinnert, dass ich in meiner Studienzeit mal Hexenprozessprotokolle transkribieren und sprachwissenschaftlich analysiert habe. Im weiteren Verlauf des Songs aber dann singt die Stimme aus dem Jenseits davon, wie sie nach dem Tod Teil der Welt um sie herum wurde. Der Song kreiert eine regelrechte „Folk-Horror“-Atmosphäre. Das ständige Wiederholen von Zeilen wie „on the old dead tree“ wirkt wie ein Mantra oder eine Beschwörung. Es löst ein Gefühl der Beklemmung aus, als würde man nachts allein in einem nebligen Wald stehen. Die Musik ist sehr spannungsgeladen und intensiv. Die Art, wie sich die Stimmen überlagern und steigern, erzeugt ein Gefühl von historischer Schwere und düsterer Theatralik. Man fühlt sich, als würde man einem makabren Theaterstück beiwohnen. Aber obwohl das Thema extrem morbide ist, gibt es dem Hörer auch ein Gefühl von übernatürlicher Stärke. Die Protagonistin wurde zwar getötet, hat sich aber in die gesamte Natur verwandelt – sie ist jetzt überall und unsterblich. Das gibt dem Ganzen, trotz der Dunkelheit, eine fast schon trotzige und ermächtigende Note.
Musikalisch völlig anders indes: „I can do what I want“ von der japanisch-amerikanischen Musikerin Mei Semones aus dem vergangenen Jahr. Mei Semones kombiniert in ihrer Musik sehr einzigartige Stile, die man als Bossa Nova, Indie-Pop und Math-Rock zusammenfassen kann. Auch in diesem Song hört man diese faszinierende Mischung sofort: komplexes, sehr präzises und leicht jazziges Gitarrenspiel, das auf warme, fast romantische Streicher und treibende Schlagzeug-Rhythmen trifft. Ihre Stimme ist dabei sehr sanft und unaufgeregt, was einen wunderbaren Kontrast zur teils wuseligen, schnellen Instrumentierung bildet. Wie der Titel „I can do what I want“ schon verrät, ist es ein Song über Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und das Ablegen von Ängsten. Im Text singt sie auf Englisch und Japanisch darüber, dass sie sich nicht mehr von Sorgen oder äußeren Erwartungen zurückhalten lassen möchte. Sie singt Zeilen wie „Take my mind off / There’s nothing I’m scared of“ und betont mehrfach: „I am going to do this the way I want to do it“. Das zentrale Gefühl ist eine unaufgeregte, stille Stärke. Die Botschaft „Ich mache, was ich will“ wird nicht geschrien, sondern mit einer absoluten, inneren Ruhe und Selbstverständlichkeit gesungen. Das löst beim Zuhören ein Gefühl der Entspannung und des „Loslassens“ aus. Der Song hat etwas sehr Verträumtes und zugleich Verspieltes, das einen mitwippen lässt und den Kopf frei macht.


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