Carsten Vogel

Nerd 'n Noob.

ROLLING STONES – Foreign Tongues (Track by Track)

The Rolling Stones - Foreign Tongues Vinyl

Das Wichtigste bei jeder Albumrezension von Musikern und Bands, die schon einige Jahre auf dem Buckel haben, ist der Vergleich. Das Album ist das beste seit … Und normalerweise würde ich da gar nicht drauf einsteigen oder anspringen, aber in diesem Fall muss es tatsächlich mal erwähnt werden. Denn Foreign Tongues, das mittlerweile 25. Album der Rolling Stones (nach britischen Veröffentlichungen), ist ihr bestes seit – Trommelwirbel – 45 Jahren. Kein Witz. Wer etwas anderes sagt, ist natürlich unwissend, ahnungslos, ein Banause. Lasst euch nichts erzählen!

Immerhin: Das Coverartwork ist das schlechteste seit Hackney Diamonds, dem erst drei Jahre alten letzten Album der Band. Da hilft es auch nicht, dass die Idee von Nathaniel Mary Quinn eine Antwort auf das Metallica-Album Hardwired… to Self-Destruct sein soll. Im Gegensatz dazu aber können die Stones wenigstens musikalisch überzeugen. Schauen wir uns die 14 neuen Songs mal nacheinander an.

Rough and Twisted: Wow, was für ein Opener. Lange ist ein Album der Stones nicht mehr so stark gestartet. Rau und ungeschliffen feiert er die klassischen Blues-Wurzeln der Band und streut sogar recht offensichtliche Referenzen auf Legenden wie Muddy Waters ein. Ein absolutes Brett und ein fetter, temporeicher Blues. Der Song wird maßgeblich getragen von einem klassischen, dreckigen Stones-Riff und einer markanten Mundharmonika angetrieben. Was musikalisch besonders auffällt, ist die gewaltige Dynamik und das wuchtige Schlagzeug, das den Track unermüdlich nach vorne peitscht. Anders, als Charlie Watts es vielleicht gespielt hätte. Produzent Andrew Watt hat dem Stück einen sehr modernen, stark komprimierten und lauten Anstrich verpasst. Wer das 2016er-Cover-Album Blue & Lonesome mochte, wird auch an diesem Opener große Freude haben. Ein fantastischer Opener. (8,2/10)

In the Stars: Wir kommen schon recht früh auf diesem Album an den Punkt, an dem ich etwas nicht verstehe. Warum war das die erste Single-Auskopplung? Nicht nur das dazugehörige Video ist mit Hilfe von KI bearbeitet (bzw. mit Deepfake-/digitale Gesichtsmanipulation), bei dem Song fragt man sich unwillkürlich auch, ob jemand einen Prompt geschrieben hat, um einen typischen Rolling-Stones-Song zu produzieren. Oder irgendwer hat in der Band festgestellt, dass sie das Riff von „Soul Survivor“ (1972) und „It must be Hell“ (1983) durchaus einfach noch mal verwurschteln könnten. Keine Ahnung. „In the Stars“ ist mit großem Abstand der schlechteste Song auf dem gesamten Album. Textlich ist es eine stark nostalgische, fast schon melancholische Reflexion über den Preis des Ruhms und das Gefühl, isoliert in einer eigenen Umlaufbahn zu schweben. In den Refrains rutscht das gefährlich nah an klischeehafte Pop-Lyrik heran. Die Produktion ist extrem glatt poliert, und Jaggers Stimme ist im Refrain spürbar mit Effekten (und ja, offenbar auch Autotune) bearbeitet worden, um einen modernen, sphärischen Klang zu erzeugen. Die Gitarren tauchen erst im Bridge-Teil kurz auf, klingen da aber so stark komprimiert, dass sie auch aus dem Computer stammen könnten oder eben von einer KI. Und um es ganz drastisch zu sagen: Es klingt eher nach Coldplay als nach den Rolling Stones. (4,5/10)

Jealous Lover: Der Kontrast zum vorherigen Stück könnte kaum größer sein. Eine ungeschönte, fast schon verletzliche Beichte über toxische Eifersucht, Besitzansprüche. Der Erzähler ist das Opfer einer besitzergreifenden, kontrollierenden Partnerin/eines Partners und wehrt sich dagegen. Der zentrale Refrain lautet sinngemäß „Hands off, jealous lover / please let me be“ – der Erzähler vergleicht sein Gegenüber mit einer Gottesanbeterin und mit Efeu, der einen Baum erwürgt, und verlangt, in Ruhe gelassen zu werden. Es ist ein Song übers Sich-Befreien aus einer erdrückenden, kontrollierenden Beziehung. Die Produktion wirkt frei von offensichtlichen Synthesizerflächen und hörbaren Pitch-Korrekturen. Der Falsettgesang erinnert an „Emotional Resuce„. Übrigens nicht das einzige Mal auf dem Album. Die emotionale Wucht und die zerbrechliche Akustik erinnern stark an die ganz großen Balladen der Siebziger. „Jealous Lover“ ist die beste Single seit „Love is Strong“ (1994) – sieht man mal von den Archiv-Auskopplungen ab, natürlich waren Stücke wie „Scarlet“ (mit Jimmy Page) oder auch „Plundered My Soul“ auf den Reissues grandios, aber das sind eben Zeitkapseln aus einer anderen Ära. Hier greife ich ganz oben ins Regal: (9,5/10)

Mr. Charm: Was für ein herrlich arroganter und groovender Track. Es ist eine dieser typischen, messerscharfen Beobachtungen von Mick Jagger. „Mr. Charm“ skizziert einen aalglatten Blender – vielleicht einen schmierigen Politiker, einen windigen Musikmanager oder einfach diesen einen Typen an der Bar, der jedem das Blaue vom Himmel lügt, aber mit seinem unwiderstehlichen Charisma immer wieder durchkommt. Die Lyrics sind extrem bissig, pointiert und clever geschrieben. Jagger singt aus der Perspektive des genervten, aber auch faszinierten Beobachters, der das Spiel zwar durchschaut, sich dem Charme aber dennoch kaum entziehen kann. Und ich droppe mal an dieser Stelle – pars pro toto für alle Songs auf diesem Album –: Wie unfassbar gut bei Stimme ist Jagger aktuell? Er klingt, als habe er jahrelang nicht mehr so viel Spaß im Aufnahmestudio gehabt, mit seiner Stimme zu experimentieren. Die Band verzichtet in „Mr. Charm“ auf dichte Soundwände und setzt stattdessen auf einen extrem trockenen, fast schon stoisch treibenden Beat von Steve Jordan. Dazu gibt es diese wunderbar rotzige, leicht funkige Rhythmusgitarre. Die rotzige Attitüde und die messerscharfen Bläserakzente erinnern stark an „Bitch“ vom Album Sticky Fingers. Gleichzeitig hat der Song durch diesen tanzbaren, funkigen und sehr trockenen Beat eine Menge von der DNA von „Miss You“ (Some Girls). Lyrisch blitzt ein wenig die zynische Straßenbeobachtungsgabe von „Shattered“ auf. Auch Some Girls selbst könnte man als Referenz nehmen. Der vierte Song auf diesem Album ist verdammt cool, exzellent geschrieben und macht einfach Spaß. (7,5/10)

Divine Intervention: Hier wird jetzt die ganz große, epische Leinwand ausgerollt. Der Songtitel bewusst ironisch: Es kommt keine göttliche Rettung, die Strophen zeigen nur „menschliche Torheit“ (ein Hollywood-Wahrsager, der sich übergibt, als Jagger nach seiner Zukunft fragt; Milliardäre, die in ihre Bunker am Himmel flüchten). Der Refrain „Divine intervention is out of the question“ ist eine trotzige, fatalistische Absage an jede Erlösung – die Konsequenz ist nicht Demut, sondern das Gegenteil: „I’m gonna dance in the flames“ / „going out in a blaze“ – ein bewusstes Sich-Hineinstürzen ins Chaos statt einer Bitte um Gnade. Die Produktion ist hier absolut on point – groß und weit, ohne dabei so künstlich poliert zu wirken. Es ist ein rasanter, treibender Rocker, der die zynische Energie des Textes musikalisch perfekt aufgreift. Das ohnehin schon absurde Detail, dass The Cure-Sänger Robert Smith hier als Gast gelistet ist (aber fast unhörbar im Mix vergraben wurde), passt wunderbar zu diesem herrlich überladenen Ritt in den Abgrund. (8,7/10)

Ringing Hollow: Der brillante Beweis dafür, dass die Band auch jenseits ihres angestammten, rauen Blues-Rock-Territoriums meisterhaft funktioniert, wenn sie sich auf unkonventionellere Melodiebögen und ein herrlich entschlacktes Arrangement verlässt. Beziehungsweise auf Country. Man wünscht sich, Jagger würde mal ein Country-Soloalbum aufnehmen. Ein sehr politischer Song über Amerika: eine Art Abschieds-/Liebesbrief an die USA, mit Zeilen über „Lady Liberty“, die „die Stirn runzelt“, über Drogen (Fentanyl, Kokain) und unterdrückte Stimmen („when voices are stifled/I wanna scream out loud“). Ganz konkret geht es um Amerika als enttäuschtes Versprechen – die Zeile „Lady Liberty is wearing a frown“ ist da zentral. Irgendwo in der Tradition von Stones-Gesellschaftskritik wie „Sweet Neo Con“, „Undercover of the Night“ und „Street Fighting Man“ ein. Trotz der getragenen, melancholischen Tiefe des Arrangements behält Mick Jagger durch seine gewohnt smarte und pointierte Phrasierung eine gewisse Bissigkeit, die den Song davor bewahrt, ins Kitschige abzudriften. Musikalisch findet man sich hier eher also bei „Far Away Eyes“ oder „Dead Flowers“ wieder. Steve Jordan hält sich am Schlagzeug vornehm zurück und liefert nur einen feinen, vom Country-Shuffle inspirierten Beat mit leichtem Beseneinsatz. Es klingt nach einer sehr entspannten, späten Jam-Session auf einer Veranda in den Südstaaten. (9,1/10)

Never wanna lose you: Der Titel klingt auf dem Papier erst einmal nach einer weichgespülten romantischen Schmonzette, aber Jagger dreht den Spieß textlich genial um. Es geht nicht um harmonische Treueschwüre, sondern um eine fast schon obsessive, unausweichliche Abhängigkeit. Passend zum Text ist das ein extrem atmosphärischer, leicht bedrohlicher Midtempo-Rocker. Der Song baut sich nicht auf einem klassischen Keith-Riff auf, sondern wird von einer extrem hypnotischen, stoisch pumpenden Basslinie getragen. Die Gitarren sägen eher im Hintergrund und setzen scharfe, leicht dissonante Nadelstiche, anstatt den Raum einzunehmen. Nicht zu vergessen, dass Bruno Mars an der Kuhglocke glänzt, wie weiland Will Ferrell als Gene Frenkle im berühmten SNL-Sketch (in dem er Christopher Walken als Produzenten namens Bruce Dickinson zu beeindrucken vermag – die Referenz auf diesen Sketch ist in diesem Zusammenhang spannender als der gesamte Stone-Song). Die düstere, leicht tanzbare und gehetzte Atmosphäre erinnert stark an „Out of Control“ vom Album Bridges to Babylon. Gleichzeitig schimmert in der kühlen Instrumentierung und dem leicht paranoiden Vibe auch ein wenig die DNA vom Album Undercover of the Night durch. (6,9/10)

Hit me in the Head: Ein verbaler, rauer Weckruf. Der Song handelt davon, aus der eigenen Lethargie und dem bequemen Trott herausgerissen zu werden. Jagger fordert diesen metaphorischen „Schlag an den Kopf“, um endlich wieder etwas Reales, Ungefiltertes zu spüren. Es ist rotzig, direkt und hat eine fantastische „In-your-face“-Attitüde. Es gibt diesen magischen Moment, in dem man plötzlich Charlie Watts am Schlagzeug hört. Einen Rhythmus-Take, der aus einer früheren Session stammen. Das verleiht diesem aggressiven, schnellen Track genau diesen unnachahmlichen, leicht stoischen und minimal hinter dem Beat liegenden Swing. Mit dieser rohen Energie erinnert der Song stark an „Rough Justice“ vom Album A Bigger Bang. Aus der noch jüngeren Vergangenheit ist es natürlich die direkte Fortsetzung zu „Bite My Head Off“ von Hackney Diamonds, nur dass sie hier beim Tempo und der Verzerrung noch eine Schippe drauflegen. Ein kurzweiliger, scharfer Kontrastpunkt auf dem Album, der durch diese spezielle Überraschung in der Besetzung eine enorme emotionale Aufladung bekommt und live (oder zumindest auf Platte) richtig zündet. (7/10)

You Know I’m No Good: Der Song von Amy Winehouse (und Mark Ronson) bekommt durch den Filter der Stones eine ganz neue Relevanz. Textlich bleibt der Song natürlich das bekannte Glanzstück über Selbstzerstörung, toxische Verstrickungen, Untreue und die bittere Einsicht in die eigene Fehlerhaftigkeit – durch den Perspektivwechsel bekommt er aber eine ganz andere persönliche Note und Färbung. Die Stones nehmen dem Stück die brillante Retro-Soul-Fassade der Mark-Ronson-Produktion und ziehen den Song tief hinab in den dreckigen Delta-Blues. Statt geschmeidiger Bläsersätze gibt es ein stark reduziertes, knochentrockenes Arrangement. Keith Richards und Ronnie Wood verweben ihre Gitarren zu einem sumpfigen, schleppenden Groove. Absolutes Highlight ist Jaggers Einsatz an der Blues-Harp. Der gesamte Vibe erinnert extrem an die fokussierten, rauen Sessions für das Blue & Lonesome-Album, insbesondere an Nummern wie „Just Your Fool“ oder „Commit a Crime„. Die Stones beweisen hier nicht nur eine exzellente Musikauswahl, sie machen den Song zu ihrem eigenen. (8,4/10)

Some of us: Ein Keith-Song auf einem Stones-Album ist ja immer wie ein vertrautes Ritual – man weiß, dass jetzt das Tempo rausgenommen wird und der musikalische Rotz einer gewissen Altersmilde weicht. Und ein bisschen ist es wie in der Mathematik: Während sich zwei Geraden im Unendlichen treffen können, nähern sich die Stimmen von Keef und Tom Waits immer weiter an. Der Text beschreibt das krasse Machtgefälle zwischen einer unnahbaren, von allen umschwärmten Person und jemandem, der seine Coolness komplett verliert und für ein kleines bisschen Zuneigung (just a hug or just a squeeze) buchstäblich auf die Knie fällt. Es geht um unerwiderte Hingabe und die schiere Verzweiflung in der Liebe. Musikalisch ist das Ganze wunderbar reduziert und intim. Es beginnt nur mit einer knochentrockenen Akustikgitarre und Keiths Stimme, die klingt, als hätte sie tausend Nächte in verrauchten Bars hinter sich. Benmont Tenchs Orgelspiel ist auf diesem Song sehr präsent. Wegen der Thematik der Vergänglichkeit schimmert hier ganz viel „Slipping Away“ (Steel Wheels) durch, angeblich stammt er aus den Dirty-Work-Sessions. Einer meiner Lieblingssongs von Keith. Interessanterweise Aber: Wenn Mick im Refrain mit seinen Harmonien einsteigt, passiert hier genau das, was „Salt of the Earth“ zum Abschluss von Beggars Banquet so unfassbar magisch gemacht hat: Aus der intimen, verletzlichen und brüchigen Solo-Reflexion von Keith wird plötzlich eine hymnische Beschwörung. Jaggers Stimme legt sich wie ein wuchtiger, erdender Kontrast um Keiths rauen Gesang. Durch diese wunderbare Gesangssymbiose der beiden Glimmer Twins schraubt sich die Bewertung für dieses Meisterwerk auf: (9,3/10)

Covered in You: Sir Paul McCartney greift in die dicken Saiten. Dass die Stones sich ausgerechnet Macca für diesen Track ins Studio geholt haben, erweist sich als absoluter Glücksgriff. Thematisch bewegt sich der Song einmal mehr im Bereich der fast schon obsessiven Hingabe. Hier ist das Rhythmusfundament der absolute Star. McCartney liefert keine gewöhnliche Begleitung ab, sondern packt einen herrlich melodischen, treibenden Basslauf aus, der den gesamten Song dominiert und diktiert. Maccas hochmelodische, erfinderische Basslinien tänzeln förmlich um die scharfkantigen, stoischen Gitarrenriffs von Keith und Ronnie herum. Das verleiht dem Track einen unheimlich dichten, drückenden Groove – mit der leicht benebelten, atmosphärischen und lasziven Dichte von „Heaven“ (Tattoo You). (8,3/10)

Side Effects: Schade, aber das ist fast schon eine Tradition bei den Rolling Stones: Auf so gut wie jedem Album gibt es im letzten Drittel diesen einen unvermeidlichen Hänger, bei dem die Energie plötzlich etwas verpufft. Und tatsächlich sind es diesmal nur ganz wenige Songs, die besser als B-Seiten verwendet worden wären. Oder gar nicht erst als Single beziehungsweise Albumtrack veröffentlicht worden wären. Sei’s drum. Dieser Song gehört leider auch dazu. Textlich wirkt „Side Effects“ leider etwas wie aus dem bewährten Stones-Baukasten zusammengesetzt. Es ist ein erstaunlich behäbiger Midtempo-Rocker, der einfach nicht richtig zünden will. Das Gitarrenriff wirkt recycelt und wenig zwingend – fast so, als hätte man einen unfertigen Take aus einer Jam-Session übrig gehabt und notdürftig einen Refrain drübergelegt. Er versprüht den gleichen etwas blassen und uninspirierten Vibe wie „Dangerous Beauty“ oder „Look What the Cat Dragged In“ vom Album A Bigger Bang. Ein bisschen erinnert es auch an die schwächeren Momente der Bridges to Babylon-Sessions. (5/10)

Back in Your Life: Der kreative Tritt aufs Gaspedal, den die Dramaturgie des Albums dann jetzt auch braucht. Der Titel klingt nach Reue, aber Jagger wäre nicht Jagger, wenn er auf Knien angekrochen käme. „Back in Your Life“ ist eher eine charmante, fast schon fordernde Ansage. Es geht darum, nach einer langen Phase der Distanz oder nach Fehltritten wieder in das Leben von jemandem reinzuplatzen – mit dem vollen Selbstbewusstsein, dass die andere Person einen sowieso vermisst hat. Der Song wischt die Behäbigkeit des Vorgängers mit einem fantastischen, federnden R&B-Groove beiseite. Es gibt hier dieses wunderbar synkopierte, hell klingende Gitarren-Weaving zwischen Keith und Ronnie, das sofort in die Beine geht. Was den Track zum einen besonders abhebt, ist die triumphale Rückkehr einer messerscharfen Bläsersektion im Refrain. Zum anderen grenzt es ja fast an Majestätsbeleidigung, dass ich Steve Winwood bisher verschwiegen habe. Dass er hier – und repräsentativ auf großen Teilen des Albums – an den Tasten sitzt, erklärt diesen unglaublich organischen und satten Sound. Winwood drängt sich nie egoistisch in den Vordergrund, aber sein Spiel an der Hammond-Orgel oder dem Piano ist genau der musikalische Klebstoff, der dem Rhythmusgerüst der Stones diese Tiefe und Seele gibt. Er veredelt auch „Back in Your Life“ mit einer Eleganz, die einfach meisterhaft ist und den Sound der Band perfekt ergänzt, ohne ihn zu überlagern. „Back in Your Life“ hat etwas von der resilienten, leicht trotzigen Energie von „Mixed Emotions“ (Steel Wheels). Ist aber viel, viel besser. Er fängt fast dieselbe versöhnliche, reife Magie von „Waiting on a Friend“ (Tattoo You) ein. (8,7/10)

Beautiful Delilah: Ein Chuck-Berry-Cover als Rausschmeißer! Das ist natürlich eine wunderbare, tief symbolische Verbeugung der Band vor ihren eigenen Wurzeln. Wenn man bedenkt, dass die allererste Single der Rolling Stones im Jahr 1963 das Chuck-Berry-Cover „Come On“ war, schließt sich mit „Beautiful Delilah“ am Ende von Foreign Tongues ein gewaltiger, jahrzehnteübergreifender Kreis. Auch wenn der Song hier fast wie ein Bonustrack klingt und nicht wie ein zum Album gehörender Song. Hier wird jegliche Studio-Politur über Bord geworfen – und bemerkenswerterweise auch das klassische Schlagzeug. Stattdessen spielt Red-Hot-Chili-Peppers-Drummer Chad Smith irgendetwas, was ihm immerhin die Credits auf dem Album einbrachte. Die Produktion von Andrew Watt tritt in den Hintergrund und lässt die Band klingen, als stünden sie schwitzend im legendären Crawdaddy Club in Richmond. „Beautiful Delilah“ versucht gar nicht erst, das Rad neu zu erfinden, sondern feiert einfach nur den Rock ’n’ Roll in seiner reinsten Form. Der Song katapultiert uns direkt zurück in die Anfangstage. Er versprüht exakt die gleiche unbändige, rohe Live-Energie wie ihre frühen Coverversionen von „Carol“ oder „Little Queenie„. (7,7/10)

Kurz zusammengefasst also: Wäre ein Album lediglich die Summe seiner Einzelteile, käme man rein rechnerisch auf 7,9 von 10 Punkten. Zu verdanken ist das leider vor allem zwei wenig guten Tracks. Aber: Foreign Tongues ist nicht weniger als eine Sensation. Anstatt sich auf ihrem monumentalen Erbe auszuruhen, besinnt sich die Band auf genau das, was sie unantastbar macht: schmutzigen Blues, tiefschürfende Balladen und puren, ungeschliffenen Rock ’n’ Roll. Fast ausnahmslos alle Songs sind besser als auf Hackney Diamonds. Bis auf ein paar Ausnahmen, die tatsächlich eher so klingen, als hätten sie auf den Vorgänger besser gepasst. Das intime „Jealous Lover„, Keith Richards‘ „Some of us“ und das versöhnliche „Back in Your Life“ gehören zum Besten, was die Stones seit Jahrzehnten geschrieben haben. Foreign Tongues ist kein altersmildes, überproduziertes Spätwerk, sondern ein lautes, triumphales Ausrufezeichen (erneut übrigens mit Andrew Watt an den Reglern). Das Meisterwerk einer Band, die niemandem mehr etwas beweisen musste – und es hier trotzdem noch einmal eindrucksvoll getan hat. Es kratzt, es beißt, es groovt und es berührt zutiefst.

Rolling-Stones-Sternebewertung: * * * * 1/2
Pitchfork 101-point scale: (8.9/10)

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