Eine Band wie eine Bank. Immer, wenn die Band aus Bellingham ein neues Album veröffentlicht hat, hat sie begeistern können. „Transatlanticism“ (2003) und „Plans“ (2005) gehören nicht nur zu meinen meistgehörten Platten, sondern auch zu meinen Alltime-Favorites.
Als vor vier Jahren „Asphalt Meadows“ erschien, hatte ich das Gefühl, dass sich die Band um Sänger und Songwriter Ben Gibbard wieder ihrer alten Hochform annäherte. Jetzt, mit dem neuen Album „I Built You a Tower“, legt die Band nach – und laut Gibbard soll es eine bewusste Rückbesinnung auf die minimalistischeren Indie-Wurzeln sein, wie man sie zuletzt auf dem Klassiker „Transatlanticism“ gehört hat. Grund genug, sich Song für Song durch die Platte zu hören. Los geht’s:
Full of Stars: Ein bittersüßer, fast schon passiv-aggressiver Trennungssong. Es geht um das schleichende, unausweichliche Auseinanderdriften zweier Partner und die Unfähigkeit, sich noch zu verständigen („I tried to mend these broken fences, you claimed I built a wall“). Gibbard reflektiert über seine eigenen Fehler („Please forgive me“), aber im Kern steht eine tiefe Frustration über die emotionale Kälte des Gegenübers. Das gipfelt in der zentralen, fast schon resignierenden Zeile: „All I need is for you to be kind, but it seems it’s rarely worth your time.“ Als Opener für ein Album ist der Song ziemlich unkonventionell. Er startet reduziert, beinahe verletzlich wie ein akustisches Schlaflied, das sehr organisch und nackt wirkt – nur Akustikgitarre und Gibbards Gesang. Dann passiert im Refrain musikalisch etwas sehr Spannendes: Ein unerwarteter Akkordwechsel erhellt die Stimmung plötzlich. Im letzten Drittel bricht der Song dann völlig aus seinem intimen Gerüst aus: Gitarren-Arpeggios und marschierende Drums setzen ein und bescheren dem Song ein kraftvolles Rock-Finale. Trotzdem verzichtet die Band hier auf Alt-Rock-Fuzz, ein wenig „Bixby Canyon Bridge“ (Narrow Stairs) schimmert durch. Exzellenter Start für das Album (8,5).
Punching the Flowers: Ein zynisches, fast fatalistisches Charakterporträt. Es geht um eine Person, die so tief in ihrer eigenen Negativität gefangen ist, dass sie Trost aktiv ablehnt („He didn’t want to feel better“). Gibbard beschreibt jemanden, der aus reiner Bitterkeit um sich schlägt und dabei eine Frau verletzt, die eigentlich helfen wollte („words were sharpened like axes“). Die Titelmetapher „punching the flowers“ ist ein großartiges Bild für das sinnlose Zerstören von etwas Schönem und Unschuldigem. Am Ende kulminiert der Song in einer wunderbar desillusionierten Erkenntnis: „Now I’m not sure which is worse / If God laughs or he doesn’t / I’m not sure which is worse / If it was love or it wasn’t“. Nach dem intimen, sich langsam aufbauenden Opener zieht dieser Track das Tempo deutlich an. „Punching the Flowers“ ist ein treibendes Stück Indie-Rock, das durch seinen pulsierenden Rhythmus eine drängende Unruhe erzeugt. Die Musik steht in einem klassischen Death-Cab-Kontrast zum düsteren Text: Während die Zeilen von emotionaler Zerstörung („with a voice like the sound of slamming doors“ erzählen, drängt das Instrumental fast schon euphorisch und ruhelos nach vorn. Aber vielleicht ist es nicht mal ein Gegensatz, sondern schlicht die perfekte Untermalung? Die Vorwärtsbewegung und die Mischung aus tanzbarem Drive und persönlichen Unzulänglichkeiten im Text erinnern sehr stark an „The Ghosts of Beverly Drive“ (Kintsugi) oder auch an den Klassiker „Crooked Teeth“ (Plans). Die Lyrics gehören textlich zum Schärfsten und Zynischsten, was Gibbard seit langem geschrieben hat, und die Platzierung direkt nach dem Opener ist perfekt gewählt, um das Album dynamisch auf Touren zu bringen. (8.8)
Pep Talk: Der Titel ist hier herrlich ironisch, denn „Pep Talk“ ist alles andere als eine motivierende, aufbauende Hymne. Es ist eine extrem ehrliche, fast schon resignierende Auseinandersetzung mit Lethargie und den eigenen Dämonen. Gibbard singt darüber, wie schwer es fällt, sich morgens überhaupt aufzuraffen („lying in bed… giving myself a pep talk to survive the day“), und reflektiert über alte Bewältigungsmechanismen. Besonders stark ist das Bild für die eigenen Fehler der Vergangenheit: „My past is a whiskey glass tipping down a drunkard’s throat.“ Der besagte „Pep Talk“ ist also eher der verzweifelte Versuch, sich trotz aller Unzulänglichkeiten („an incurable mess“) irgendwie durch den Alltag zu schleppen. Nach dem treibenden Vorgänger nimmt dieser Track das Tempo wieder spürbar heraus und drückt auf die emotionale Bremse. „Pep Talk“ ist ein introspektives, schwermütiges Stück. Die musikalische Untermalung ist schleppend, fast schon erschöpft, was die inhaltliche Schwere und die besungene Lethargie perfekt einfängt. Es hat eine sehr intime, spätabendliche (oder sehr frühmorgendliche) Atmosphäre, die sich ganz auf die Melancholie in Gibbards Stimme verlässt, ohne in große, laute Ausbrüche flüchten zu müssen. Die düstere Selbstreflexion und das reduzierte Tempo erinnern stark an die ruhigeren, abgründigeren Momente von Narrow Stairs – man denkt atmosphärisch unweigerlich an „Talking Bird“. Ein wunderschön trauriger Song mit einer der besten Metaphern, die Gibbard in letzter Zeit geschrieben hat. Es ist vielleicht nicht die treibende Single des Albums, aber ein extrem wichtiges, emotionales Ankerstück, das die Platte erdet und lyrisch tief berührt. (7.8)
I Built You a Tower (a): Der emotionale Kern der Platte: Es geht um das fatale Scheitern von Verdrängung. Das lyrische Ich versucht, die Erinnerung an eine bestimmte Person regelrecht wegzusperren – in einem metaphorischen Turm im eigenen Verstand („I built you a tower in my mind… cuz I needed you contained“). Zunächst scheint diese Isolation zu funktionieren und bietet eine Art kalten Trost („at first the silence felt like an old friend“). Doch die Gefühle und Erinnerungen lassen sich nicht auf Dauer einsperren („there was no shame that you could not escape“). Am Ende kippt der Versuch der Gedankenkontrolle in eine absolute, ohnmächtige Obsession, perfekt eingefangen in dem mantraartigen Fazit: „Now I cannot think of anyone else.“ Da dies die „erste Variante“ ist, passt hervorragend zur Struktur des Albums, aber auch des Songs. Er wirkt wie ein musikalisches Gedankenkarussell, das sich langsam, aber unaufhaltsam dreht. Durch die starken Wiederholungen in Gibbards Text („circles around my brain“, „until I couldn’t think…“) entwickelt der Track einen geradezu hypnotischen Sog. Er verzichtet auf klassische Strophe-Refrain-Ausbrüche und setzt stattdessen auf einen atmosphärischen, sich stetig verdichtenden Aufbau, der die klaustrophobische Enge dieses „mentalen Turms“ wunderbar klanglich abbildet. Die Thematik der obsessiven Fixierung gepaart mit mantraartig wiederholten Zeilen erinnert unweigerlich an die düstere Brillanz von „I Will Possess Your Heart“ (Narrow Stairs). Die melancholische Schwere und das Motiv des mentalen Versteckspiels weisen aber auch auf die tieftraurige Atmosphäre von „Tiny Vessels“ (Transatlanticism) hin. Titeltracks haben die Aufgabe, die konzeptionelle Essenz eines Albums zu definieren, und das gelingt hier formidabel. (8.4)
Envy the Birds: Es geht um eine tiefe Sehnsucht nach Realitätsflucht und völliger Stille. Das lyrische Ich wünscht sich die unbeschwerte Freiheit der Vögel („I envy the birds / soaring in the silence“), um dem eigenen mentalen Chaos („I left my mind somewhere in the rubble“) zu entkommen. Ein zentrales Motiv ist die Angst vor zwischenmenschlichen Verletzungen durch Kommunikation: Gibbard wiederholt mantraartig „Speak without words, no one gets hurt / safer when it’s quiet“. Es ist der absolute Rückzug in die Isolation, weil jedes gesprochene Wort als zu gefährlich und schmerzhaft wahrgenommen wird. Der Song hat einen stoischen, unnachgiebigen Rhythmus, der in starkem Kontrast zur inhaltlichen Sehnsucht nach „Stille“ steht. Er baut sich über einen sehr prägnanten Basslauf und präzises Schlagzeugspiel behutsam auf und entwickelt einen fast schon marschierenden Groove. Besonders stark ist der Ausbruch in der Mitte, wenn die Instrumente lauter werden und Gibbard den Gesang in ein fast verzweifeltes Rufen steigert („It’s too extreme!“). Im letzten Drittel ebbt die instrumentale Wucht dann zugunsten dieses hypnotischen, sich ständig wiederholenden „Speak without words“-Chors wieder ab. Die Rhythmusarbeit und der drängende Bass weisen klanglich stark in Richtung der Plans-Ära, man denkt stellenweise an „Someday You Will Be Loved“ oder auch an die Rhythmik von „We Looked Like Giants“ (Transatlanticism). Ein wunderbar dynamischer Song, der sich unaufhaltsam nach vorne schiebt und dabei diese typische Gibbard-Melancholie perfekt einfängt. Spannender Track, trotzdem der schwächste auf dem Album. (7.5)
Stone Over Water: Ein schonungslos ehrlicher Song über emotionale Erschöpfung, das Älterwerden und die Mühe, eine Fassade aufrechtzuerhalten. Das lyrische Ich blickt auf ein kräftezehrendes Jahr zurück („melting both ends of the candle“) und kämpft mit verdrängter Wut, die zu Scham wird. Es geht um den täglichen Kraftakt, Freunden zu versichern, dass alles in Ordnung sei („I keep telling my friends I’m alright“), während man eigentlich nur versucht, irgendwie durch die Nacht zu kommen. Die Titelmetapher ist absolut brillant und herzzerreißend: Jeder Tag fühlt sich an wie ein geworfener Stein, der noch ein paar Mal über das Wasser hüpft, bevor er unweigerlich auf den Grund sinkt. Die verletzliche Reflektion über das Älterwerden und die Angst vor dem Spiegelbild mit den langsam ergrauenden Schläfen („temples fading to gray“) verleiht dem Song eine unheimlich reife, tiefgehende Note. Der Song nimmt sich musikalisch sehr stark zurück und liefert das perfekte klangliche Bett für diese intime Beichte. Es ist eine wehmütige, getragene Ballade, die sich ganz auf Gibbards sanfte Stimme verlässt. Die Instrumentierung wirkt fast tröstlich und warm, als wolle sie einen Ausgleich zu den schweren Zeilen schaffen. Statt eines lauten Ausbruchs bleibt die Stimmung durchgehend melancholisch, fließt ruhig dahin und lässt den starken Bildern im Text genug Raum zum Atmen. Die ehrliche Auseinandersetzung mit dem Älterwerden und der schleichenden Resignation erinnert textlich und atmosphärisch extrem an die großen Meisterwerke von Plans, insbesondere an „Brothers on a Hotel Bed“ oder auch „What Sarah Said“. Für mich eines der klaren Highlights der Platte. Die Texte sind greifbar, poetisch und unglaublich berührend. (9.5)
How Heavenly A State: Dieser Track schlägt inhaltlich eine düstere und sehr konfrontative Richtung ein. Es geht um eine toxische, zerstörerische Beziehung oder Situation, in der eine Seite emotional völlig kapituliert („your eventual acquiescence“), während die andere mit unbarmherziger Härte agiert („rained sheets of pain and anger“). Das lyrische Ich beobachtet dies fast zynisch – oder reflektiert vielleicht sogar sein eigenes Handeln – und kommentiert den Zusammenbruch mit beißender Ironie („the acceptance of collapsing under unspeakable weight“). Der titelgebende „himmlische Zustand“ (How heavenly a state) ist hier vollkommen sarkastisch gemeint und beschreibt paradoxerweise das Gefühl, wenn man sich dem totalen emotionalen Ruin einfach ergibt. Musikalisch ist der Song ein intensives, sich ständig steigerndes Post-Punk-Stück. Er baut eine beklemmende Atmosphäre auf, die sich in Schichten von verzerrten Gitarren und treibendem Bass verdichtet. Besonders die zweite Hälfte des Songs, wenn die Instrumentierung lauter und die Vocals drängender werden („I will breathe for you“), erzeugt eine klaustrophobische, bedrohliche Stimmung. Es ist ein lauter, chaotischer, aber sehr kontrolliert inszenierter Ausbruch. Die Dichte der Instrumentierung und die konfrontative Haltung weisen Parallelen zu den chaotischeren Momenten von Asphalt Meadows auf. Es ist ein sehr atmosphärischer und thematisch schwerer Song, der dem Album eine ordentliche Portion Düsternis verleiht. Vielleicht nicht der eingängigste Track der Platte, aber in seiner Intensität und der zynischen Lyrik extrem faszinierend. (7.7)
Trap Door: Ein unglaublich trauriges Porträt über den Versuch, jemanden zu lieben, der emotional völlig unzugänglich ist und sich in seiner eigenen Melancholie suhlt („I pledge myself to your misery / I kneel at its throne“). Das lyrische Ich versucht, dem geliebten Menschen nahe zu kommen, stürzt dabei aber immer wieder ins Leere – metaphorisch durch die „Falltür im Herzen“ („there’s a trap door in your heart that I’m free falling through“). Es geht um die Ohnmacht, zusehen zu müssen, wie jemand, den man liebt, sich selbst isoliert („everyone disappears when they reach to pull you here“) und wie man sich selbst in dieser emotionalen Abwärtsspirale mitreißen lässt („you’re a boulder tumbling down a hill… and now I’m falling through“). Nach dem eher lauten, konfrontativen Vorgänger wird es hier wieder sehr intim und atmosphärisch. Der Track hat eine schleppende, fast schon resignierende Schwere, die sich wunderbar mit dem Text deckt. Die Melodie ist zart, aber gleichzeitig von einer unheilvollen Ahnung durchzogen. Wenn Gibbard singt, dass er immer wieder durch diese Falltür stürzt, scheint auch die musikalische Untermalung fast in sich zusammenzufallen, bevor sie sich am Ende in einem fast schon hymnischen, melancholischen Outro auflöst. Es ist ein sehr organischer, feingliedriger Sound, der die emotionale Distanz perfekt hörbar macht. Die Thematik der emotionalen Unerreichbarkeit und der verzweifelten Versuche, zu jemandem durchzudringen, erinnert textlich sehr stark an „Cath…“ (Narrow Stairs) oder auch an die schmerzhafte Distanz in „Brothers on a Hotel Bed“ (Plans). Die Metaphorik der Kälte und des Fallens („like a snowflake starting an avalanche“) bringt zudem die verletzliche Atmosphäre von Transatlanticism zurück. Ein wunderbar formulierter Song über emotionale Sackgassen. Die Metapher der „Trap Door“ ist so simpel wie genial. (8.5)
Riptides: Inhaltlich ist „Riptides“ eine schonungslose Beschreibung von absoluter emotionaler Erschöpfung und Burnout. Das lyrische Ich ist vollkommen am Ende seiner Kräfte („I’m too tired to talk, I’m too tired to run“) und wird von dem ohrenbetäubenden Lärm der Welt und den Erwartungen anderer regelrecht erdrückt („voices multiplying in the crowd… growing frighteningly loud“). Die titelgebenden „Riptides“ (Brandungsrückströme oder gefährliche Unterströmungen) dienen als starke Metapher für diese unsichtbaren, aber gewaltigen Kräfte, die einen gnadenlos unter Wasser ziehen, wenn man ohnehin schon keine Kraft mehr hat, sich über Wasser zu halten. Vielleicht ist der Song auch metaphorisch auf die Ehe-Krise von Gibbard zu beziehen? Die Beschreibung eines fatalen, lähmenden Schwebezustand am Ende einer jahrelangen Beziehung? Man hat keine Kraft mehr, die alten Konflikte immer wieder neu auszutragen, aber paradoxerweise fehlt eben auch die Kraft für den finalen, konsequenten Schlussstrich? Wie dem auch sei. Hier haben wir wieder diesen meisterhaften Death-Cab-Kontrast: Während der Text von totaler Resignation und Schwäche handelt, prescht die Musik unerbittlich und voller Energie nach vorn. Der Song wird von einem treibenden, fast schon hektischen Schlagzeug und sägenden, drängenden Gitarren getragen. Es baut sich eine unruhige Spannung in den Strophen auf, die sich dann im lauten, beinahe kathartischen Refrain entlädt. Das Instrumental spiegelt genau dieses Gefühl von Überwältigung und Chaos wider, von dem Gibbard singt. Diese ungestüme, etwas rohere und lautere Energie erinnert stark an die rockigeren Ausbrüche der Bandgeschichte. Gleichzeitig schimmert die leicht chaotische, fuzzige Soundästhetik von der Asphalt Meadows-Platte hier an allen Ecken und Enden durch. Die Energie reißt sofort mit, und die schonungslose Ehrlichkeit des Textes trifft einen Nerv. (9.4)
The Flavor of Metal: „The Flavor of Metal“ handelt vom Verlust der Unschuld und davon, wie frühe Ängste und Traumata die Gegenwart vergiften. Gibbard nutzt klassische kindliche Urängste – die urbane Legende von der „Bloody Mary“ im Spiegel oder Rasierklingen in Halloween-Süßigkeiten –, um einen zutiefst traurigen Zustand als Erwachsener zu beschreiben: „Now when I taste something sweet, the flavor of metal is overwhelming me.“ Das Gute im Leben kann nicht mehr genossen werden, weil man ständig den Schmerz oder den Betrug (das „Metall“) erwartet. Die detaillierten Beschreibungen von Sommern auf dem Trampolin und hochgeworfenen Rasendarts fangen genau diese unbeschwerten, aber auch rauen Sommer-Wochenenden eines etwa Zehnjährigen ein. Das macht den Kontrast zur zynischen Erwachsenenperspektive im Refrain umso härter. Der Track spiegelt diese wehmütige Nostalgie klanglich wunderbar wider. Er ist deutlich weniger drängend als „Riptides“, sondern entfaltet sich eher wie eine flirrende, etwas aus der Zeit gefallene Erinnerung. Die Melodie hat etwas sehr Tröstliches, das in krassem Gegensatz zu den bedrohlichen textlichen Bildern steht. Die Spannung wird sehr subtil aufgebaut, ohne in ein lautes Rock-Gewitter auszubrechen; stattdessen bleibt der Song durchgehend in dieser bedrückend-melancholischen Schwebe, die wie ein nicht enden wollender Sturm („these storms they never seem to end“) über allem liegt. Die detaillierte, fast schon morbide Rückschau auf die Jugend lässt textlich an frühe Klassiker wie „Styrofoam Plates“ (The Photo Album) denken, die Vorstadt-Nostalgie aber auch an „Grapevine Fires“ (Narrow Stairs). Das ist lyrisch ein absolutes Meisterwerk. Die Metapher des Metallgeschmacks bei etwas eigentlich Süßem ist ein geniales Bild für anhaltende Desillusionierung. (8.2)
I Built You A Tower (b): Hier schließt sich thematisch der Kreis. Nachdem in der ersten Variante, Teil (a), noch der vergebliche Versuch im Mittelpunkt stand, die Erinnerungen an eine bestimmte Person mental wegzusperren, folgt nun die unausweichliche Kapitulation. Der metaphorische Turm hat seinen Zweck verfehlt. Gibbard singt: „I’m learning how to live without you, but these ruminations are all about you.“ Es ist die bittere Erkenntnis, dass das physische Leben ohne den anderen zwar irgendwie weitergeht, der Geist aber trotzdem unablässig um diese Person kreist. Die grenzenlose Erschöpfung, die bei „Riptides“bereits Thema ist, kulminiert hier in der zentralen, resignierenden Zeile: „It makes me tired… so tired.“ Ein konsequenter und emotional niederschmetternder Schlusspunkt. Musikalisch ist es der perfekte, auflösende Gegenentwurf zur ersten Variante. Während Teil (a) klaustrophobisch und stoisch wirkte, wird der Sound hier weiter, wärmer und epischer. Die Instrumentierung baut sich in bester Post-Rock-Manier ganz langsam, aber gewaltig auf. Die repetitiven Vocals legen sich über ein stetig wachsendes musikalisches Gerüst. Es ist kein leises Verschwinden am Ende der Platte, sondern ein erschöpftes, lautes Aufbäumen, das schließlich in sich zusammenfällt und den Zuhörer in der Stille zurücklässt. Dieser schleichende, monolithische Aufbau gepaart mit dem mantraartigen Wiederholen einer einzigen, schmerzhaften Zeile ist die pure musikalische Essenz von „Transatlanticism“ (man denke nur an das legendäre „I need you so much closer“). Auch das Aufgreifen eines Leitmotivs am Ende der Platte zeigt die klassische konzeptionelle Stärke der Band. Ein besseres, intensiveres Ende hätte das Album kaum finden können. (8.8)
Nach zig Durchläufen festigt sich der Eindruck: „I Built You a Tower“ ist textlich und atmosphärisch eher ein Kind von „Narrow Stairs“ als von „Transatlanticism“ – die schroffere, konfrontativere Seite der Band, das obsessive Kreisen um ein Thema, die rockigeren Ausbrüche, sind hier viel präsenter als das zerbrechliche, verträumte Klangbild von 2003. Trotzdem trügt der Vergleich mit dem Klassiker nicht ganz: Gerade die beiden Versionen des Titeltracks, mit ihrem hypnotischen, sich langsam auftürmenden Songaufbau, tragen unverkennbar die DNA von „Transatlanticism“ in sich. Am Ende ist „I Built You a Tower“ also keine Rückkehr im engeren Sinne, sondern eine Platte, die alte Wurzeln neu verarbeitet – näher an der Verzweiflung von 2008 als an der Zärtlichkeit von 2003, aber mit einem klar hörbaren Echo des Klassikers im Hintergrund.
Rolling-Stone-Sternebewertung: * * * * 1/2
Pitchfork 101-point scale: (9.0/10)


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