Jeden Mittwoch stelle ich an dieser Stelle die drei Songs vor, die mich in der vergangenen Wochen am häufigsten begleitet, am meisten beeindruckt und dazu schwer begeistert haben.
„All My Friends Are So Depressed“ der kalifornischen Band Joyce Manor. Der Track war im Spätsommer 2025 der erste Vorbote des siebten Studioalbums I Used To Go To This Bar. Streng nach dem Motto, wie sehr kann man nach The Smiths klingen, antwortet Sänger Barry Johnson mit einem lauten „Ja“. Gerade diese „Mir wächst alles über den Kopf, aber lasst uns wenigstens eine extrem eingängige Melodie dazu spielen“-Attitüde erinnert stark an Morrissey und Marr. Barry Johnson hat hier eine sehr „Morrissey-esque“ Art, über existenzielle Erschöpfung zu schreiben. Es ist nicht wütend oder aggressiv, sondern eher eine resignierte, fast schon sarkastische Bestandsaufnahme der eigenen Unzulänglichkeit und der kollektiven Depression im Freundeskreis. Der Text skizziert eine alltägliche, fast schon beiläufige Tristesse, die viele im modernen Alltag spüren. Zeilen wie „3pm can’t get dressed“ oder die Beschreibung der eigenen Existenz als „biggest chain around my neck“ fangen die Schwere einer Depression oder eines kollektiven Burnouts innerhalb eines Freundeskreises ein. Es geht um die Ohnmacht, wenn alles zu viel wird und man sich einfach ausklinken möchte. Produziert wurde das Stück von Bad-Religion-Gitarrist Brett Gurewitz. Auch wenn Joyce Manor eigentlich eher aus dem Punk-Rock, Emo oder Pop-Punk kommen, haben die Gitarren in „All My Friends Are So Depressed“ einen zwar treibenden, aber sehr klaren, melodischen Vibe. Auch die Akkorde erinnern stark an den Jangle-Pop, den Johnny Marr in den 80ern so unnachahmlich geprägt hat.
„I Can’t Wait“ von Phoebe Bridgers vom vergangenen Freitag veröffentlichten neuen Album Lost Weekend. Handgemachte, tiefgründige Musik, die sich fließend in ein liebevoll kuratiertes analoges 90-Minuten-Mixtape einfügen würde. Intimer, organischer und atmosphärisch unglaublich dichter Indie-Folk oder Alternative Pop. Bridgers reflektiert über emotionale Abhängigkeit, das Älterwerden und Momente der totalen Überforderung. Schon die eröffnende Bitte („baby if you leave me can you take me with you I can sit in the back seat“) offenbart Verletzlichkeit. Sie skizziert Szenen, in denen die Stille der Nacht kaum auszuhalten ist und man reflexartig das Licht anmacht „like the end of the movie“. Sie verwebt alltägliche Beobachtungen und persönliche Entwicklungen („getting older, California sober“) und mündet schließlich in einer diffusen, unerklärlichen Traurigkeit: „I don’t know why I’m crying until we’re dead or die trying“. Eine ehrliche Bestandsaufnahme davon, wie das Leben, Beziehungen und die eigene Psyche manchmal einfach schwer zu greifen sind und einen überrollen. Cameron Winter, Frontmann der New Yorker Indie-Band Geese, bringt mit seinem unverkennbaren, rohen Falsett einen grandiosen Bruch in die sonst so weiche, intime Atmosphäre des Songs. Gerade, als man glaubt, jetzt gehe der Song in einem großen cineastischen Crescendo auf, fällt die üppige Instrumentierung in sich zusammen, statt eines orchestralen Knalls wandelt sich der Song in ein unvermitteltes Country Duett, mit weinender Slide-Guitar und reduzierten Akustik-Akkorden. Bridgers‘ und Winters Stimmen harmonieren wunderbar.
„Did You Ever Want To Go To Your Own Funeral?“ von James Ellis Ford und dem ebenfalls am vergangenen Freitag erschienenen Solo-Album Lost In Another World. Reduzierter, atmosphärischer Art-Pop und Ambient: Die Klanglandschaft ist offenbar stark von japanischen Ambient-Pionieren der 80er-Jahre wie Ryūichi Sakamoto inspiriert. Der Sound ist schwebend, isoliert und beklemmend intim. Das liegt an den extremen Aufnahmebedingungen: Ford hat das gesamte Album mit einem Laptop, einem kleinen Keyboard und einem Mikrofon direkt aus seinem Krankenhausbett aufgenommen. Während er Anfang 2025 isoliert im Krankenhaus lag und sich einer Chemotherapie sowie einer Stammzellentransplantation unterzog, schrieb er diese Texte – komplett ungefiltert, fast wie rohe Tagebucheinträge. Wahrlich keine leichte Kost. Der reduzierte, sphärische Sound fängt diese existenzielle Einsamkeit eines abgeschotteten Krankenzimmers perfekt ein. Der Song reflektiert diese Erfahrung, die eigene Trauerfeier quasi noch zu Lebzeiten mitzuerleben – und ist damit trotz des harten Themas getragen von Dankbarkeit und einer fast schon bittersüßen Prise Humor.


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