Carsten Vogel

Nerd 'n Noob.

DAVID BOWIE – Black Tie White Noise

DAVID BOWIE- Black Tie White Noise

(Alben, die besser sind, als ihre Allmusic-Bewertung #1)

Willkommen zum zweiten Teil meiner kleinen Mission zur Ehrenrettung von Alben, die bei AllMusic schlichtweg nicht den Stellenwert eingeräumt bekommen haben, den sie verdienen. Es ist wirklich reiner Zufall, dass auch dieser Verriss aus der Feder von Stephen Thomas Erlewine stammt.

Wir schreiben das Jahr 1993: David Bowies Album Black Tie White Noise erscheint. Ich erinnere mich noch gut daran, wie Uwe, der Verkäufer in meinem damaligen Favorite-Store (Jörgs CD-Forum) in Münster, völlig aus dem Häuschen war. Endlich wieder ein echtes Pop-Album! Keine rohen Experimente mit härterer Rockmusik mehr wie bei Tin Machine, stattdessen sei Let’s-Dance-Produzent Nile Rodgers wieder an Bord – was könne da schon schiefgehen?

Wenn man Stephen Thomas Erlewine fragt: einiges. Er vergibt karge zweieinhalb Sterne und stempelt das Album als veralteten Anachronismus ab, der nicht in die von Grunge und Industrial dominierte Ära gepasst habe. Aber Bowie musste 1993 keinem Kurt Cobain oder Trent Reznor hinterherlaufen (die Musikgeschichte zeigt: es war eher andersherum). Dass er stattdessen Nile Rodgers zurückholte, Lester Bowie für Avantgarde-Jazz-Trompeten einspannte und smoothen, souligen House mit Art-Rock mischte, war kein Fehler im System. Es war genau der kreative Befreiungsschlag nach seiner künstlerischen Krise in den späten 80ern.

Vorweg zur Einordnung: Black Tie White Noise ist in seiner Gesamtheit vielleicht nicht ganz so zwingend wie das musikalisch radikalere Debüt von Tin Machine, mit dem er sich zuvor schon sehr eindrucksvoll den Weg aus der Krise freigeschlagen hatte. Aber Bowies 18. Studioalbum ist meilenweit davon entfernt, das unentschlossene, mittelmäßige Stückwerk zu sein, als das Erlewine es beschreibt.

Hier sind fünf Gründe, warum Black Tie White Noise ein mehr als nur durchschnittliches Werk ist:

1. „Jump They Say“ – Das paranoide Meisterwerk

Erlewine nennt den Song ein „paranoid jumble“, der zufällig mal funktioniert. Was er dabei unter den Tisch fallen lässt, ist die Tiefe des Tracks. Musikalisch treibt der Song mit einem fast schon funkigen Beat nach vorne, zerschnitten von Lester Bowies Jazz-Trompeten-Solo. Aber textlich verarbeitet Bowie hier ein Trauma: den Suizid seines schizophrenen Halbbruders Terry. Die Diskrepanz zwischen der extrem tanzbaren Nile-Rodgers-Produktion und Bowies Text über Isolation, den Druck der Gesellschaft („They say he has no brain / They say he has no mood“) und dem endgültigen Sprung in die Tiefe ist brillant. Es ist kein „Durcheinander“, sondern eine hochgradig organisierte, tanzbare Panikattacke.

2. „Black Tie White Noise“ (Titelsong) – Der „rätselhafte“ R&B-Ausflug

Erlewine stört sich an der „selbstbewusst glatten“ Produktion und nennt das Duett mit dem R&B-Sänger Al B. Sure! schlicht „baffling“. Auch hier verfehlt er den Kern. Der Song entstand unter dem Eindruck der blutigen L.A. Riots nach dem Rodney-King-Urteil. Bowie verpackt das extrem aufgeladene Thema von Rassismus, sozialer Spaltung und dem Unverständnis zwischen den Kulturen in das denkbar glatteste, massentauglichste Genre der damaligen Zeit: New Jack Swing und Urban Soul. Dass Bowie als weißer Brite hier mit einem schwarzen R&B-Sänger über die Spannungen singt („They’ll show us how to break the rules / But never how to make the rules“), ist kein musikalischer Ausrutscher, sondern ein klares Statement, das in seiner smoothen Verpackung fast schon subversiv wirkt.

3. „Nite Flights“ – Die Verbeugung vor dem Meister

Bowie covert hier sein großes Idol Scott Walker (dessen avantgardistische Spätphase Bowie massiv prägte). Und auch ich bin dank des Musikexpress (da war das Album Tilt von Scott Walker Platte des Monats), dank eines anderen CD-Verkäufers, damals noch bei Epe (der witzigerweise auch Uwe hieß), aber vor allem dank Wolfgang Doebeling und seiner sonntäglichen Radiosendung Roots auf Scott Walker aufmerksam geworden. Zurück zur Kritik: Erlewine erwähnt das Cover zwar, aber man muss betonen, wie clever Bowie diesen ursprünglich abgründigen, klaustrophobischen Song von 1978 in die 90er-Jahre zieht. Er macht daraus einen treibenden, unterkühlten Club-Track, bei dem elektronische Kälte und seine enorm ausdrucksstarke, fast crooner-hafte Gesangsleistung perfekt harmonieren. Es ist das Bindeglied zwischen seiner Berliner Phase und der elektronischen Ausrichtung, die er später auf Earthling verfolgen sollte. Auch wenn das Original der Walker Brothers besser ist, ist die Coverversion äußerst spannend. Ganz im Gegenteil zu seiner doch ziemlich blassen Interpretation des Morrissey-Stücks „I Know It’s Gonna Happen Someday“. Wo Bowie bei Scott Walker dem Track ein komplett neues, mitreißendes Gewand schneidert, fehlt mir hier schlichtweg die Eigenständigkeit. Man sucht vergebens nach eigenen Ideen; dem ohnehin schon grandiosen Original wird absolut nichts Originäres hinzugefügt. Es wirkt beinahe wie eine reine Stilübung, die leider ein wenig uninspiriert vor sich hin plätschert.

Dass Bowie es auf exakt demselben Album aber auch bei fremdem Material wieder meisterhaft – und vor allem zutiefst emotional – hinbekommen kann, beweist die dritte Coverversion der Platte. Womit wir beim nächsten Grund wären:

4. „I Feel Free“ – Der emotionale Abschied von Mick Ronson

Erlewine tut die Rückkehr des ehemaligen „Spiders from Mars“-Gitarristen Mick Ronson lapidar als Versuch ab, „aus der Vergangenheit zu schöpfen“ (trying to draw on the past). Das ist nicht nur abwertend, sondern verkennt die emotionale Wucht dieser Reunion komplett. Bowie und Ronson covern hier den Cream-Klassiker „I Feel Free“ – einen Song, den sie bereits zwanzig Jahre zuvor in den frühen 70ern gemeinsam auf der Bühne gespielt hatten. Das ist kein kalkulierter Nostalgie-Trick für die Verkaufszahlen, sondern Bowies echte musikalische Versöhnung mit seiner eigenen Glam-Rock-Vergangenheit. Vor dem tragischen Hintergrund, dass Ronson während der Aufnahmen bereits schwer an Leberkrebs erkrankt war und nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung des Albums verstarb, bekommt diese funkige, leicht dissonante Version eine unglaublich wehmütige Ebene. Bowie nimmt hier auf musikalische Weise Abschied von einem seiner wichtigsten Weggefährten. Wer diesen späten, gemeinsamen Studio-Moment als reines Kalkül abtut, hat schlichtweg nicht richtig hingehört. Sorry.

5. „The Wedding“ / „The Wedding Song“ – Das Ende der Zynik

Erlewine hakt das als kleine Inspiration durch die Heirat mit Iman ab. Aber man muss sich vor Augen halten, wo Bowie herkam (Never Let Me Down, Tin Machine). Und ich wiederhole mich: Tin Machine ist ein großartiges Album, und ich bin vermutlich einer der wenigen, die sehr viel an Never Let Me Down mögen. Dass Bowie hier ein Album mit einem instrumentalen, House-beeinflussten Hochzeitsmarsch („The Wedding“) beginnt und am Ende mit Gesang wieder aufgreift, zeigt einen Künstler, der seinen Zynismus abgelegt hat. Es ist ein ehrlicher, offener Sound, der den Grundstein für das gesamte Spätwerk legt.

Viel wichtiger aber: Hier – und auf dem gesamten Album – wagt Bowie hörbare Schritte in Richtung Jazz, maßgeblich angetrieben durch die markanten Trompetensoli von Lester Bowie. Und genau hier liegt die Saat für das, was sein musikalisches Spätwerk prägen sollte. Wenn wir auf sein letztes, überragendes Fünf-Sterne-Meisterwerk Blackstar blicken, finden wir exakt diese Jazz-Anleihen wieder. Blackstar ist zwar ungleich düsterer und existenzieller, wirkt aber rückblickend wie die perfekte, finale Synthese aus allen Alben, die mit und nach Black Tie White Noise kamen. Es ist beinahe so, als seien diese Platten ab 1993 notwendige, fortlaufende Stilübungen gewesen, die schließlich in diesem einen letzten Hauptwerk kulminierten.

Natürlich rechtfertigt dieser pophistorische Stellenwert nicht automatisch eine Höchstwertung für Black Tie White Noise selbst. Das Album hat unbestreitbar seine Mängel. Es ist mitunter zu überladen, zu sprunghaft in seiner Vielfalt und hörbar zerrissen zwischen glattem Dance-Pop, R&B-Experimenten und Art-Rock. Ausfälle wie das blasse Morrissey-Cover oder das streckenweise überproduzierte 90er-Jahre-Klangbild zeigen, dass nicht jede Idee zündet. Das Album ist streckenweise inkonsistent – Bowie sucht hier noch, anstatt schon auf ganzer Linie gefunden zu haben.

Aber Erlewines Verriss mit mageren zweieinhalb Sternen ist ungerecht und zu hart. Die kreativen Höhen, der Mut zum Stilbruch und die emotionale Tiefe von Stücken wie „Jump They Say“ oder „I Feel Free“ heben die Platte weit über den Durchschnitt.

Black Tie White Noise mag ein unperfektes Album sein, aber es ist ein verdammt wichtiges. Ein unterschätzter, befreiender Schritt in Bowies Karriere, der definitiv ein besseres Zeugnis verdient hat.

Trivia-Fakt am Rande: Trotz der zögerlichen Rezeption in den USA schoss Black Tie White Noise in Großbritannien direkt auf Platz 1 der Albumcharts. Für Bowie war es ein massives Comeback: Es war sein erstes UK-Nummer-1-Album seit Tonight (1984) – und es sollte sein letztes bleiben, bis 20 Jahre später The Next Day (2013) erschien.

Meine Bewertung:

Nach RS-Sternebewertung: ★★★½
Nach Pitchfork 101-point scale: (7.3/10)

Allmusic.com: ★★½

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert