Jeden Mittwoch stelle ich an dieser Stelle die drei Songs vor, die mich in der vergangenen Wochen am häufigsten begleitet, am meisten beeindruckt und dazu schwer begeistert haben.
Nicht erschrecken, heute sind es vier Songs. Es gibt einen Bonus-Track von einem meiner Lieblingskünstler. Und weil der Song seit seiner Veröffentlichung in meinem Kopf spukt, kommt er hier on top, damit er nicht verloren geht. Aber der Reihe nach.
Zunächst: „While the Womb Screams Silently“ von Cinder Well. Ein Projekt der Multiinstrumentalistin Amelia Baker. Am besten vielleicht mit Neofolk bzw. Dark Folk beschrieben. Piano, behutsam eingesetzte Streicher und Bakers intensive, melancholische Stimme. Amelia Baker hat sich für den Song stark von dem Film Portrait of a Lady on Fire inspirieren lassen, in dem eine Frau gegen ihren Willen für eine arrangierte Ehe porträtiert wird. Der Song nutzt dieses Bild als Metapher für den Kampf gegen patriarchale Erwartungen und das Gefühl, fremdbestimmt zu werden („to watch yourself painted in somebody else’s image„). Er dreht sich um den ständigen inneren Konflikt: Einerseits wird man in gesellschaftliche Schablonen gepresst, andererseits gibt es diese ureigene, innere Stimme – das tiefe, intuitive Bauchgefühl –, das innerlich laut aufschreit, auch wenn man äußerlich angepasst funktioniert. Der Track löst eine faszinierende Mischung aus stiller Beklemmung und trotziger Kraft aus. Die ruhige Melodie transportiert anfangs das etwas erdrückende Gefühl von Fremdbestimmung und Resignation. Gleichzeitig baut sich durch den Kontrast zum Text eine enorme emotionale Spannung auf.
„Foremothers“ von Nina Linder-Wind: Slowcore, Lo-Fi-Indie? Auf jeden Fall mit einer Neil-Young-Gitarre, wie sie besser nicht klingen könnte. Der Aufbau ist faszinierend: Der Song beginnt minimalistisch, beinahe wie ein monotoner, beschwörender Sprechgesang über einer einsamen, unverzerrten E-Gitarre. Diese meditative Ruhe kippt im Laufe des Songs aber völlig. Er baut sich immer weiter auf, bis er in einer dröhnenden, verzerrten fuzzigen Gitarren und intensiven Rhythmen explodiert – ein bisschen post-rockig in seiner Dynamik. Der Titel ist hier Programm. Es ist eine tief verbeugende, aber auch wütende Hymne an die weiblichen Vorfahren. Nina Winder-Lind singt für ihre Großmutter, deren Mutter und all die Frauen davor, die in der Geschichte oft übersehen wurden („wives and childbearers„). Sie thematisiert die Opfer, die diese Frauen bringen mussten, und verweist sogar auf die historische Verfolgung („shame the persecution of witches„). Die zentrale Aussage ist eine der tiefen Verbundenheit und Dankbarkeit: Sie existiert, spielt ihre E-Gitarre, atmet, lacht und liebt nur, weil diese Frauen vor ihr da waren und überlebt haben. „Foremother“ ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Anfangs intim, fast schon gespenstisch und bedrückend. Aus der anfänglichen Schwere wird plötzliche eine trotzige, wilde und extrem kraftvolle Energie. Es ist ein Song, der sich anfühlt, als würde jahrhundertealter Schmerz in pure, lebensbejahende Kraft umgewandelt („I want to live so badly„). Erwähnte ich schon Neil Young? 😉
Und vor dem gespoilerten Bonus-Track die wöchtliche Dosis Emo. „Everyone I’ve Ever Been“ von der kalifornischen Band Movements. Der Song bewegt sich im Spannungsfeld aus Alternative Rock, Emo und melodischem Post-Hardcore. Er entfaltet eine musikalische Dringlichkeit und emotionale Tiefe, die mich in ihrer Melancholie und Verletzlichkeit durchaus an die Intensität von Bands wie Death Cab for Cutie erinnert. „der „Everyone I’ve Ever Been“ stammt vom gerade erst veröffentlichten Album Happier Now, ist ein extrem persönliches, introspektives Stück. Sänger Patrick Miranda wendet den Blick tief nach innen. Der Text wirkt wie ein ungeschöntes Geständnis über soziale Ängste, den inneren mentalen Druck und die ständige, oft zermürbende Reflexion über das eigene Verhalten in ganz alltäglichen Interaktionen. Es ist eine offene Auseinandersetzung mit sich selbst und all den vergangenen Versionen des eigenen Ichs, die man im Laufe der Zeit war. Es geht im Kern darum, Dinge auszusprechen, die man sonst nur als schweren Ballast allein im Kopf mit sich herumträgt.
Und der versprochene Bonus-Track: Hinter „Casting Me Away From You“ steht kein Geringerer als Neil Young, hier begleitet von The Chrome Hearts. Musikalisch ist das lupenreiner Folk-Rock und klassische Americana. Der Song besticht durch diese typisch raue, ungeschliffene und ehrliche Akustik-Ästhetik, für die man Neil Young einfach kennt – ein sehr handgemachter, unaufgeregter Sound. Der Text ist eine klassische, beinahe wehmütige Erzählung über das Verlassenwerden und das Festhalten an der Vergangenheit. Es geht um die Erinnerung an unbeschwerte, gemeinsame Zeiten („We used to laugh and play games together„) und die bittere Erkenntnis, nun zurückgelassen und „aussortiert“ zu werden („casting me away from you„). Auch der sehr menschliche Versuch, sich einzureden, dass es nicht wichtig sei und man ohnehin jemanden finden könne, der einen besser behandelt, scheitert sofort, sobald die Person wieder vor einem steht.


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