„Burning Ambition“ habe ich jetzt auch endlich gesehen – und wieder mal daran erinnert, was für ein Wahnsinn diese zweite Karriere von Iron Maiden eigentlich ist. Seit Bruce Dickinson und Adrian Smith im Februar 1999 zurückgekehrt sind, hat die Band nicht nur weitergemacht, sondern einige ihrer episodischsten, ambitioniertesten Songs überhaupt geschrieben – Zwölf-Minüter über antike Giftkönige, Achtzehn-Minüter über Luftschiff-Katastrophen. Zeit für die fünf besten Songs dieser Ära. Irgendwann kommt hier auch noch mein Ranking der Studioalben (inklusive Bewertung jedes einzelnen Songs) – dann aber nur als pure Statistik. Heute wird’s ausführlicher.
The Parchment
Wie so oft bei Iron Maiden: Der Text von The Parchment ist dicht und kryptisch, behandelt ein historisches Thema. Die Zeilen über familiären Verrat, Rache, das Einnehmen von Gift („countenance is not a sin“, „shedding parents blood“) und das „Partherreich“ deuten stark auf das Leben von Mithridates VI. Eupator hin. Er war der Herrscher von Pontos in der Antike (ca. 132 v. Chr. bis 63 v. Chr.). Nachdem sein Vater ermordet wurde, floh er als Jugendlicher vor seiner Mutter in die Wildnis, wo er sich durch die Einnahme kleiner Mengen Gift immunisierte (daher sein Beiname „Giftkönig“). Später kehrte er zurück, rächte sich grausam an seiner Familie, herrschte als mächtiger König („Fierce as wolf with a leopard skin“) und war einer der hartnäckigsten Gegner des Römischen Reiches. Ein klassisches, blutrünstiges und geschichtsträchtiges Maiden-Thema. Der Song selbst ist tief im orientalisch-mystischen Klangkosmos verankert und zieht Hörer fast in einen Trance-Zustand. Einer der eher ausufernden Maiden-Epen. Dickinson singt überwiegend im ersten Drittel – danach verschwindet der Gesang fast völlig und macht Platz für einen ausgedehnten Instrumental-Teil. (Dickinson selbst scherzte in einem Interview, dass er bei diesem Song bequem von der Bühne gehen und „fünfeinhalb Minuten lang eine Tasse Tee trinken“ könnte). Maiden verzichten hier auf eine konventionelle Strophe-Refrain-Struktur und gleicht eher einer musikalischen Reise. The Parchment startet extrem schleppend und atmosphärisch mit einer dominanten Bass-Melodie von Steve Harris und Synthesizer-Teppichen. Dickinson erzählt die Geschichte fast als unheilschwangere Beschwörung. Musikalisch ist das Gitarrentrio Dave Murray, Adrian Smith und Janick Gers hier auf dem absoluten Höhepunkt, wenn sie sich im Mittelteil die Soli und Melodien wie im Rausch zuspielen. Heavy as fuck.
Kurze Fakten – Songwriting: Steve Harris, Länge: 12:39 Minuten, Album: Senjutsu (2021). Der Song wurde noch nie live gespielt und nie als Single ausgekoppelt.
Paschendale
Auch Paschendale behandelt ein historisches Thema. Der Song behandelt die grauenvolle Dritte Flandernschlacht (im Englischen oft „Battle of Passchendaele“ genannt), eine der verlustreichsten und brutalsten Schlachten des Ersten Weltkriegs im Jahr 1917. Bruce Dickinson singt aus der Perspektive eines einfachen Soldaten, der in den schlammigen Schützengräben um sein Leben kämpft, zusehen muss, wie seine Kameraden im Giftgas und Maschinengewehrfeuer fallen, und der am Ende selbst auf dem Schlachtfeld stirbt. Es ist ein beklemmender und eindringlicher Anti-Kriegs-Song, der die Sinnlosigkeit und den Horror des Stellungskrieges schonungslos einfängt. Melancholisch, leise und unheimlich. Ein stakkatoartiger Rhythmus trifft auf eine zarte, fast traurige Melodie. Das markante Intro auf der Hi-Hat und Snare-Drum von Nicko McBrain ahmt rhythmisch einen stotternden Telegrafen (Morsecode) oder das Rattern von Maschinengewehren nach und zieht den Hörer sofort in die Thematik hinein. Dickinsons Gesang setzt verhalten ein („In a foreign field he lay…“). Die Spannung steigt kontinuierlich, bis die Band wie eine Explosion in harte, drückende Gitarrenriffs ausbricht. Die wohl größte Besonderheit ist das komplexe, orchestrale Arrangement aus der Feder von Gitarrist Adrian Smith. Der Song nutzt Gitarren-Synthesizer, um eine unglaublich dichte, cineastische und dramatische Atmosphäre zu erzeugen, die fast an einen Filmsoundtrack erinnert. Nach der ganzen klanglichen Zerstörung kehrt der Song zu der zarten, gespenstischen Melodie des Intros zurück – ein Symbol für die Totenstille auf dem Schlachtfeld, wenn die Gewehre endlich schweigen.
Kurze Fakten – Songwriting: Adrian Smith und Steve Harris, Länge: 8:27 Minuten, Album: Dance of Death (2003). Der Song wurde ebenfalls nie als Single veröffentlicht, aber war dafür während der Dance of Death World Tour (2003-2004) war der Song ein absolutes Highlight der Setlist – aufwendig inszeniert mit Stacheldraht auf der Bühne und Dickinson in Schützengraben-Uniform.
Empire of the Clouds
Auch hier: Empire of the Clouds erzählt die faszinierende und tragische Geschichte des britischen Verkehrsluftschiffs R101. Es war zur damaligen Zeit (1930) das größte Luftschiff der Welt und sollte das Empire enger aneinanderbinden. Bruce Dickinson, selbst passionierter Flieger und Historien-Nerd, beschreibt detailliert den Jungfernflug, die majestätische Größe des Zeppelins („the biggest vessel built by man“), den aufkommenden Sturm und schließlich den verheerenden Absturz in Frankreich, bei dem 48 der 54 Menschen an Bord starben. Es ist eine Hommage an die Pioniere der Luftfahrt und gleichzeitig eine Mahnung an die menschliche Hybris („to ride the storm to an empire of the clouds“). Dabei gleicht der Aufbau des Songs eher einer klassischen Symphonie oder einem Hörspiel in drei Akten. Der Aufbruch: Der Song beginnt ruhig und erhaben mit einem minutenlangen Piano-Intro und Orchester. Dickinsons Stimme setzt ein und erzählt vom Bau und dem Start des Luftschiffs. Aber das absolute Alleinstellungsmerkmal ist das Klavier. Bruce Dickinson hat diesen Song an einem Steinway-Flügel komponiert und spielt das Instrument auch selbst auf der Studioaufnahme. Es ist das erste und einzige Mal in der Geschichte von Iron Maiden, dass ein Piano das musikalische Fundament eines Songs bildet. Der Flug und der Sturm: Ab der sechsten Minute setzen die Gitarren und das Schlagzeug richtig ein. Es folgt ein gigantischer, progressiver Instrumentalteil, der über sieben Minuten lang den Flug und den Kampf gegen das Unwetter musikalisch nachzeichnet. Nicko McBrains Schlagzeugspiel nutzt erneut Morsecode-Muster (S-O-S), um die Notsignale des Luftschiffs zu simulieren. Der Absturz und das Ende: Nach dem chaotischen Höhepunkt und dem metaphorischen Crash kehrt der Song zu seinem leisen Piano-Thema zurück. Dickinson singt die letzten Zeilen fast flüsternd, um den Opfern Respekt zu zollen, bevor der Song melancholisch ausklingt.
Kurze Fakten – Songwriter: Bruce Dickinson, Länge: 18:01 Minuten. Es ist damit der längste Song, den Iron Maiden jemals veröffentlicht haben (und überholt den bisherigen Rekordhalter „Rime of the Ancient Mariner“), Album: The Book of Souls (2015). Tatsächlich wurde der Song zum Record Store Day 2016 als 12-Zoll-Picture-Disc veröffentlicht, live haben ihn Maiden aber nie gespielt.
The Reincarnation of Benjamin Breeg
Und mal was anderes. Denn The Reincarnation of Benjamin Breeg rankt sich um die fiktive Figur. Vor der Veröffentlichung des Albums startete die Band eine Marketingkampagne im Internet und erstellte Webseiten. Die Suche nach dem mysteriösen Breeg – einem Mann mit einer dunklen Vergangenheit, der von Dämonen und grausamen Visionen geplagt wurde und schließlich spurlos verschwand. Der Text spiegelt diese von Schuld, Wahnsinn und einer unheilvollen Vorahnung getriebene Geschichte wider („The sins of my past, not dying in vain / Reincarnate still to me“). Der Song selbst beginnt auch unheilvoll ruhig und melancholisch mit einer isolierten, cleanen Gitarrenmelodie. Bruce Dickinson singt die ersten Zeilen zurückhaltend, wie ein Geschichtenerzähler. Nach knapp über zwei Minuten bricht das bedrohliche, stampfende Haupt-Riff wie eine Wall of Sound über den Hörer herein. Druckvolles Midtempo in den Strophen und im Refrain, permanent vorangetrieben von Nicko McBrains wuchtigem Schlagzeugspiel und Dave Murrays Riffs. Dann, nach einem ausgedehnten, bluesig angehauchten Solo-Teil, kehrt der Song am Ende wieder zu der unheimlichen, stillen Gitarrenmelodie des Intros zurück und schließt den Kreis. „The Reincarnation of Benjamin Breeg“ sticht durch seine unglaubliche Schwere hervor. Anstatt auf das klassische, rasante Heavy-Metal-Galoppieren zu setzen, drosselt die Band das Tempo hier massiv. Das zentrale Riff ist extrem wuchtig, tief und schleppend – es bewegt sich fast schon im düsteren Doom-Metal.
Kurze Fakten – Songwriter: Dave Murray (Musik) und Steve Harris (Text und Musik), Länge: 7:21 Minuten, Album: A Matter of Life and Death (2006). Der Song war Vorab-Single des Albums und wurde wurde auf der dazugehörigen Tournee 2006 aufgeführt – Iron Maiden spielten dabei das komplette Album am Stück.
Dance of Death
Der Text ist eine schaurige, im Ich-Erzähler-Stil vorgetragene Geschichte, die an klassische Gruselliteratur oder an den mittelalterlichen Totentanz (Danse Macabre) angelehnt ist. Der Protagonist spaziert nachts durch die Everglades in Florida, als er plötzlich von untoten Geistern und Dämonen überrascht wird. Sie zerren ihn in ein unheiliges Feuerritual und zwingen ihn, mit den Toten zu tanzen. In letzter Sekunde kann er fliehen, doch das Trauma bleibt: Er schwört sich, nie wieder zu tanzen, bis er eines Tages wirklich mit dem Tod tanzen muss („I’ll never go dancing no more / Till I dance with the dead“). Ein Lehrstück in Sachen Spannungsaufbau: Das Intro ist ruhig und von akustischen Gitarren getragen. Dickinson beginnt zu erzählen, fast wie ein erschrockener Beobachter am Lagerfeuer. Die Band setzt ein, das Tempo zieht an und die Riffs werden zwingender, der Totentanz beginnt. Der Mittelteil ist der Wahnsinn. Der Refrain taucht auf, klassische Iron-Maiden-Soli wechseln sich ab mit von keltischer Musik inspirierten, hymnischen Melodien. Dickinsons Gesang steigert sich zu einem hysterischen, panischen Geschrei, als der er Protagonist in den Kreis der Untoten gezogen wird. Der Rhythmus verfällt in einen wirbelnden, fast schon wahnsinnigen Tanz. Nach der rasanten Flucht des Protagonisten beruhigt sich der Song wieder. Akustische Gitarren leiten das Stück leise und unheimlich aus. Dance of Death ist ein absolutes Meisterwerk der Dynamik. Janick Gers, der die musikalische Grundlage lieferte, hat hier vermutlich einen seiner wichtigsten Beiträge zur Bandgeschichte geleistet.
Kurze Fakten – Songwriter: Janick Gers (Musik) und Steve Harris (Text und Musik), Länge: 8:36 Minuten, Album: Titeltrack des gleichnamigen Albums Dance of Death (2003). Auf der dazugehörigen Tournee (2003–2004) war er das Herzstück der Show, komplett mit Bruce Dickinson in Umhang und Maske – als Single wurde der Song aber nie veröffentlicht.
Close, but not cigar:
- For The Greater Good Of God vom Album A Matter of Life and Death (2006)
- Blood Brothers vom Album Brave New World (2000)
- Ghost Of The Navigator vom Album Brave New World (2000)
- Brave New World vom Album Brave New World (2000)
- Montségur vom Album Dance of Death (2003)
- No More Lies vom Album Dance of Death (2003)
- The Time Machine vom Album Senjutsu (2021)


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